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Jul
26

Kampf gegen Schikanen

Ottowitz, Egger, Pfeiler (von links). Foto: Kleine Zeitung/Helmuth Weichselbraun

Ottowitz, Egger, Pfeiler (von links). Foto: Kleine Zeitung/Helmuth Weichselbraun

Runder Tisch der Kärntner Volksfeste. Die Veranstalter fühlen sich vor allem vom Land im Stich gelassen.

Der Villacher Kirchtag und die Wiesenmärkte von St. Veit und Bleiburg haben sich zur „Interessengemeinschaft Kärntner Volksfeste“ zusammengeschlossen. Gemeinsam bewegt man jährlich mehr als eine Million Besucher – und kämpft gegen Schikanen.

Ich durfte einen „runden Tisch“ der Veranstalter auf neutralem Boden (am Wörthersee in Klagenfurt) moderieren. Teilnehmer waren Rudi Egger (Vizebürgermeister und Wiesenmarktreferent in St. Veit), Arthur Ottowitz (Marktmeister in Bleiburg) und Richard Pfeiler (Obmann des Vereins Villacher Kirchtag).

Bei drei Herren ist das ja angeblich erlaubt: Reden wir übers Alter! Der St. Veiter Wiesenmarkt hat 654 Jahre auf dem Buckel und der Bleiburger 622, während der Villacher Kirchtag heuer erst zum 72. Mal stattfindet. Was wollen Sie denn mit so einem jungen Hupfer?

RUDI EGGER: Wir haben halt ein paar Jahrhunderte früher gemerkt, was bei den Leuten gut ankommt. Was uns – jetzt im Ernst – verbindet, ist der Umstand, dass wir alle drei Volksfeste sind.

ARTHUR OTTOWITZ: Volksfeste im besten Sinn des Wortes! Mit Tradition auf der einen und Spaß auf der anderen Seite.

RICHARD PFEILER: Tradition, Spaß und durchaus auch Zeitgeist. Unsere Feste haben ja keinen musealen Auftrag, sondern finden in der Gegenwart für die Menschen von heute statt. Jahrhundertealte Wurzeln sind da kein Widerspruch, sondern das Fundament des einzigartigen Spannungsbogens, der die ganze Vielfalt unserer Veranstaltungen widerspiegelt.

OTTOWITZ: Die Initiative zu unserer Interessensgemeinschaft ist ja vom, wie Sie es formuliert haben, jungen Hupfer ausgegangen, also vom Villacher Kirchtag. Wir haben alle sofort begeistert mitgemacht. Kein Volksfest steht in einer Konkurrenzsituation zum anderen. Im Gegenteil: Wir profitieren alle von der Kooperation, weil jeder mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen hat.

Zum Beispiel mit immer strengeren Behördenauflagen?

EGGER: Ja. Es gibt Beamte, die sind, sagen wir einmal, übermotiviert. Vor allem die immer neuen Auflagen im Sicherheitsbereich machen uns zum Teil das Leben schwer. Da pflegen wir einen intensiven Erfahrungsaustausch.

PFEILER: Es gibt zum Teil überzogene Auflagen, die durch nichts begründet sind. Alle drei Volksfeste bewegen sehr viele Menschen, in Relation dazu passiert aber kaum etwas. Ich kenne keine friedlicheren Veranstaltungen.

Diskussionsrunde am See. Foto: Kleine Zeitung/Helmuth Weichselbraun

Diskussionsrunde am See. Foto: Kleine Zeitung/Helmuth Weichselbraun

Im Vorjahr haben Sie die mangelnde Unterstützung durch das Land kritisiert. Hat sich die Situation in der Zwischenzeit verbessert?

PFEILER: In Wahrheit ist es umgekehrt. Wir haben dem Land und der Kärnten Werbung unsere Unterstützung angeboten. Unsere drei Feste sind entscheidende kulturelle Aktivposten mit einem immensen touristischen Potenzial, das nur abgerufen werden muss. Aber das scheint leider niemanden zu interessieren.

OTTOWITZ: Wir haben angeboten, dass man mit uns Werbung macht. Herausgekommen ist nahezu nichts. Unsere drei Feste bewegen jährlich mehr als eine Million Besucher. Davon sind die in jüngerer Vergangenheit erfundenen kommerziellen Events weit entfernt. Sie kosten das Land, über Jahre gerechnet, Millionen, während wir uns ausschließlich aus eigener Kraft und mit Hilfe der jeweiligen Gemeinden finanzieren.

EGGER: Ich war vor Kurzem in Wien, wo man auf dem Rathausplatz versucht hat, mit Krampf so etwas wie einen Kirchtag aufzuziehen. Stellen Sie sich vor, dort würden einmal unter der Schirmherrschaft der Kärnten Werbung die Wiesenmärkte von St. Veit und Bleiburg und der Villacher Kirchtag Station machen! Wir wären das Kontrastprogramm zu Hypo und Heta, das unser Land in seiner derzeitigen Außenwirkung dringend braucht.

Sind Sie Verlierer des Machtwechsels im Land? Die sogenannte Volkskultur ist ja immer ein Steckenpferd der abgewählten FPÖ-Regierung gewesen.

EGGER: Wir haben uns nie vereinnahmen lassen. Dass sich Landespolitiker beim Umzug hineinreklamieren, ist ein Phänomen, das an keine bestimmte Partei gebunden ist.

PFEILER: Natürlich hat es Vereinnahmungsversuche gegeben. Wir haben immer Widerstand geleistet, weil Parteipolitik auf einem Volksfest nichts verloren hat. Das gilt für jede Landesregierung. Ich zähle uns weder zu den Verlierern, noch zu den Gewinnern des Machtwechsels. Dramatisch ist in meinen Augen, dass sich bei der Unterstützung von ehrlichen und echten Initiativen auf Landesebene nichts geändert hat. Das ist ein Stillstand, der wehtut.

OTTOWITZ: Es gibt keine Kluft zwischen Volks- und Hochkultur. Wir präsentieren uns beim Villacher Kirchtagsumzug und beim St. Veiter Wiesenmarkt mit dem Werner-Berg-Museum, das eines der bedeutendsten Museen im Kärntner Raum ist. Aber sind die Werke von Werner Berg nun Volks- oder Hochkultur? Die Trennung ist absurd.

PFEILER: Am heurigen Villacher Kirchtag ist erstmals der Carinthische Sommer mit einer Veranstaltung zu Gast, bei der zeitgenössische Volksmusik präsentiert wird. Man kann und sollte die Tradition mit der Gegenwart verbinden. Mit der engen und schlichten Volkskulturdefinition abgewählter Landesräte hat das nichts zu tun.

Volksfest-Selfie. Foto: Kleine Zeitung/Helmuth Weichselbraun

Volksfest-Selfie. Foto: Kleine Zeitung/Helmuth Weichselbraun

Egal, ob Wiesenmarkt oder Kirchtag: Trachten scheinen bei der Jugend wieder in zu sein. Wem haben Sie das zu verdanken? Andreas Gabalier?

EGGER: Dieser Trend war schon vor ihm da. Dirndl und Lederhose sind zu Modeartikeln geworden, die man auch abseits unserer Veranstaltungen gerne trägt.

PFEILER: Es gibt eine neue Sehnsucht nach Heimat – im positiven und ganz unpolitischen Sinn. Ich glaube, dass das eine Folge der Globalisierung ist.

Ich bitte um einen Blick in die Zukunft: Wie stellen Sie sich Ihr Fest in 100 Jahren vor?

EGGER: Natürlich wird man die Trends von 2115 auch am St. Veiter Wiesenmarkt finden, wir sind ja immer schon mit der Zeit gegangen. Nichts ändern wird sich am Stolz der St. Veiter. Sonst wird in der Stadt viel gejammert, aber in der Wiesenmarktwoche hört man davon nichts. Ich glaube, das ist immer schon so gewesen und wird immer so sein.

OTTOWITZ: Wir haben in Bleiburg eine eigene Zeitrechnung. Es gibt die Zeit vor und die Zeit nach dem Wiesenmarkt. Das ist kein Schmäh, sondern Alltag. Fragt man einen Handwerker, wann etwas fertig sein wird, sagt der „Vor dem Wiesenmarkt“ oder „Nach dem Wiesenmarkt“. An diesem identitätsstiftenden Umstand für die ganze Region wird sich in den nächsten 100 Jahren wenig ändern. Das Warenangebot wird 2115 aber wohl ein anderes sein. Früher war der Wiesenmarkt ein Viehmarkt, heute werden Landmaschinen verkauft. In Zukunft sind es vielleicht landwirtschaftliche Roboter.

PFEILER: Wenn es mit den Behördenauflagen so weitergeht, schreibt man unseren Gästen in 100 Jahren vor, dass sie den Kirchtag nur mit Schutzanzug und Helm besuchen dürfen. Aber Satire beiseite: Vielleicht werden wir 2115 ganz anders kommunizieren. Vor 15 Jahren hätten wir ja auch nicht im Entferntesten daran gedacht, dass sich so etwas wie Facebook zu einem unserer wichtigsten Kanäle entwickelt. Im Kern bleibt aber wohl alles beim Alten. Geselligkeit in hoher Qualität wird immer unser Bestreben und das unserer Nachfolger sein.

Aber was ist nun tatsächlich Österreichs größtes Brauchtumsfest? Das ist ja ein Titel, den sowohl der Villacher Kirchtag als auch der St. Veiter Wiesenmarkt für sich reklamieren?

PFEILER: Sie werden mit dieser Frage keinen Keil zwischen uns treiben!

EGGER: Wir in St. Veit zählen halt nicht jeden Durchreisenden als Besucher, der die Veranstaltung nur vom Zug aus sieht. Das ist natürlich nur ein Schmäh . . .

PFEILER: Fest steht, dass auf keinen Fall die sogenannte „Wiener Wiesn“ Österreichs größtes Brauchtumsfest ist, obwohl sie damit in Funk und Fernsehen Werbung macht.

EGGER: Stimmt. Diese Veranstaltung ist überhaupt kein Brauchtumsfest, sondern ein kommerzielles, auf Gewinn ausgerichtetes Event.

PFEILER: Das ist übrigens auch ein wesentlicher Punkt, der die Wiesenmärkte und den Kirchtag verbindet. Wir sind Non-Profit-Organisationen, wir wollen und müssen nichts verdienen, hinter uns stehen keine Eventagenturen. Es geht bei allen Festen darum, dass die Gemeinschaft und die lokale Wirtschaft florieren. Wenn etwas übrig bleibt, wird es im nächsten Jahr investiert, um die Qualität zu sichern oder noch zu steigern.

OTTOWITZ: Wir sind alle mit Herzblut dabei. Die Organisatoren, Gastronomen und Schausteller ebenso wie die Besucher.

Georg Lux